Samstag, 2. Juli 2011

III.9 Anderwelt und Real Life

Ich bin ein Stufe 40-Spieler, habe quasi den braunen Gürtel in World of Warcraft erreicht. In den letzten Nächten habe ich mich dahin vorgekämpft: Aufgaben gelöst, Waffen erbeutet, Bonuspunkte gesammelt. Ich besitze jetzt ein Reittier. Wenn euch das nichts sagt: Ich darf angreifen, aber nicht angegriffen werden. Wir Paladine kämpfen mit der Kraft des Lichts gegen Untote und Dämone. Ich bin ein Paladin.

Aber auch ein Paladin muss essen. Dafür muss er vor die Haustür treten. Am helllichten Tag ist jedermann unterwegs. Der Dackel der Nachbarin bellt ihn an. Während Dämonen die Flucht vor ihm ergreifen, kötert ein kleiner wurstförmiger Hund ihn an. Die Nachbarin fegt mit einem stieligen Feuchtding um den Paladin herum und nennt ihn ‘Lumpenstudent’. Der Hausmeister redet laut mit sich: “Zahlt keine Miete, hat aber eine 50.000er-Leitung!”

Das Außenlicht ist grell. Gibt es keinen Regler für ‘Außenlicht’? Wie halten die Leute, die hier leben müssen, diesen dumpfen Lärm bloß aus? Die Farben sind blass, die Menschen kummerlich. Ihre Augen sehen nur die eigenen Füsse. Mit kleinen Schritten sind sie auf kurzen Wege unterwegs. >Real Life< ist kein Märchenland!

Fühlt ihr auch wie dieser Paladin, wenn euer Buch fertig ist? Es hat soviel Arbeit gemacht, soviel Versenkung und Kraft gekostet - und war doch ein einziger Höhenflug! Seid ihr als Autor nicht wie dieser Paladin, der Untote und Dämonen besiegen durfte, weil er eine Anderwelt betreten und erobert hat?

Nun ist alles vorbei! Hier ist >Real Life<! Niemand liest euer Buch. Niemand weiß, dass ihr ein Autor geworden seid. Niemand weiß, dass selbst berühmte Bücher von unberühmten Schriftstellern geschrieben wurden. Niemand weiß, dass es diese Anderwelt gibt. Ihr müsst euch die kleinen Schritte wieder angewöhnen. Müsst euch selbst die kürzesten Wege erfragen. Eure Anderwelt ist für die Graumenschen nichts als eine Krankheit. >Seht zu, dass ihr schnell wieder gesund werdet!< rufen sie euch zu.

Haben sie recht?

Hat der Paladin, als er die Welt der Waffenkunst betrat, einen Platz im >Real Life< gesucht? Wolltet ihr berühmt und reich werden, als ihr mit dem Schreiben anfingt? Was wollten der Paladain oder ihr Schreiber wirklich? Worum tatsächlich ging es?

Klar, ihr wolltet euren Vorbildern nacheifern, die alle berühmte Schriftsteller sind. Aber wollten eure Vorbilder, als sie mit dem Schreiben begannen, selbst reich und berühmt werden? Hätten sie aufgehört zu schreiben, wenn Reichtum und Erfolg ausgeblieben wären. Hätte Stephenie Meyer nur ein Buch geschrieben oder würde sie  noch heute - unberühmt - schreiben?

Fragt euch, wass ihr wirklich wollt! Wenn es Reichtum und Ansehen ist, hört auf mit dem Schreiben. Werdet Filmschauspieler oder Supermodel - da sind eure Chancen erheblich größer. Wenn ihr aber gegen Dämonen und Untote in die Schlacht ziehen wollt, wenn ihr wie Don Quijote in dieser Schlacht etwas anderes sucht als Ruhm und Ehre, dann denke ich, solltet ihr weiter schreiben … ehe ihr im >Real Life< einen gewaltigen Kater bekommt.