Donnerstag, 13. Oktober 2011

Rezension: Christian Saehrendt - Die radikale Absenz des Ronny Läpplinger


Das 'Who is Who' der Lebensverlierer

Männer, nehmt euch zwei Flaschen von eurem Lieblingsbier beiseite, bevor ihr dieses Buch aufschlagt. Frauen, wenn ihr wissen wollt, wie Männer funktionieren, stellt euch einen Mann vor, der sich zwei Flaschen Bier gegriffen hat und nun mit königlichem Vergnügen dieses Buch liest.

"Ronny hatte sich mehrmals 'mit nichts' bei mehreren Kunsthochschulen beworben, und eine Mappe mit leeren Blättern, leeren Videotapes und komplett überbelichteten Fotos eingereicht."

Damit startet er ein hoffnungsvolle Karriere als Performancekünstler, die ihn von Böblingen nach Hamburg, London, New York und wieder zurück nach Böblingen führt. Nun wohnt er bei seiner Mutter und bezieht dort sein Jugendzimmer. Mit Fug und Recht kann er von sich sagen, dass er als Künstler komplett gescheitert ist. Er schlägt sich nun mit kunstgewerblichen Arbeiten durch. Er malt für Freunde und Freundinnen, er versucht sich im Heimatverein und sogar im Altersheim seiner Mutter.

Tiefpunkt ist die Ausgestaltung einer 'Wellness'oase: "Deko-Maler im Puff - kann man als Künstler noch tiefer sinken? Darunter kommt wohl nur noch der Straßenstrich, das heißt, auf einem Campingstuhl in der Fußgängerzone sitzen und für fünf Euro Karikaturenportraits zu zeichnen." Erst als er durch marrokanisches Dope und Campari benebelt sein Auto gegen einen Leuchtmast fährt, fällt er einen radikalen Entschluss.

Soweit der Inhalt von Ronnys Tagebuch, das von Freunden herausgegeben und kommentiert wird. Wie Ronny zugedröhnt oder benebelt durch die lokale Sammlerszene stolpert und den "Kunstbetrieb als selbstreferentielles System" entlarvt, ist urkomisch geschrieben. So trist und traurig das Leben, so lustig und komisch auf den Beinen ist unser zugedröhnter Traumtänzer. Sein schräger Blick auf seine Umgebung ist lebenserfahren und illusionslos. Immer wieder werden seine Beobachtung durch Anmerkungen seines Sohnes ("Kunst? Das ist doch irgendwie schwul.") und seiner Freunde unterbrochen.

Ronny macht sich und anderen nichts vor. Das ist nicht seine Art durchs Leben zu gehen. Einmal Perfomancekünstler, immer Performancekünstler - auch in Böblingen. Gerade als sich das Buch für den Leser und das Leben für Ronny zu ziehen beginnt, dreht der Autor richtig auf. Selten so ein schlüssiges und temporeiches Ende gelesen.

Sein Lebensmotto: Ein Mann darf alles, aber er darf niemals die Idee von seinem Leben verlieren. Dies ist die Grenze, die Ronny nicht bereit ist, dauerhaft zu überschreiten. Alle Männer in diesem Buch sind auf die ein oder andere Weise Verlierer an ihrem Lebenssinn geworden. Ob sie nun beim New York Marathon zusammenbrechen und von ihrer Frau überholt werden oder ob sie Beiwerk in einem Einrichtungskonzept sind - sie alle bleiben als Hülle ihrer selbst zurück.

Es ist ein philosophisches Buch über Männer geworden. Wichtiger als Frauen - und sogar Geld und Ansehen - ist den Männern, wie sie am Ende vor sich selbst dastehen. Zeigt der Spiegel einen Mann oder ist der Spiegel am Ende leer? Bei allem Spaß im Leben, dies ist die Frage, auf die in allem Ernst eine Antwort gefunden werden will.

Als Figur hat Ronny iel mit dem Fischer aus Hemingways "Der alte Mann und das Meer" gemein. Ein Fischer oder ein Künstler - egal - wird und darf alt werden, aber er darf nicht vor der letzten und größten Herausforderung zurückschrecken. Bei dem Fischer ist es der Fang seines Lebens, bei Ronny ... nun ja - habt ihr das Bier geöffnet? - dann lest einfach selbst!

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