Donnerstag, 9. Juni 2011

I.24 Der Traum des Schmetterlings

Ein chinesischer Philosoph erzählte seinen Zuhörern folgende Geschichte:

Ein Mann fiel eines Nachmittags in einen sanften Schlaf. Er begann zu träumen und träumte davon, ein Schmetterling zu sein. Als Schmetterling flog er dann von Blume zu Blume. Als ein sanfter Wind wehte, lies er sich im Wind treiben. Dann aber wachte der Mann auf. Er stellte verwundert fest, kein Schmetterling, sondern ein Mensch zu sein.

Aber wer ist er nun wirklich? Ist er ein Mensch, der geträumt hat, ein Schmetterling zu sein, oder ist er ein Schmetterling, der träumt, ein Mensch zu sein?


Im letzten Kapitel habe ich einen Roman beschrieben, der sich wie eine Collage aufbaut, den ich irgendwo beginne, irgendwie zusammenmische und in die Länge erzähle. Wie Odysseus, der Märchenehemann. In diesem Kapitel aber rede ich von Doppelidentität, von Mr. Jekyll und Dr. Hyde.

Das ist schwieriger. Es ist eine Spezialität des Thrillers. Ich bin gleichzeitig mein Gegenteil. Im Internet sind die Kräfte der Anziehung und der Abstoßung unwirksam. Es ist ein luftleerer Raum ohne äußeres Kraftfeld. In diesem Raum entstehen - neben Zufalls- und Übergangsexistenzen - auch Doppelexistenzen.

Ich finde meinen Spaß nicht in der Bandbreite des Rollenspiels, sondern außen, in der Polarität. Es ist der Unterschied zwischen Demenz - dem Kontinuum der Erinnerungslosigkeit - und einer  Multiplen Schizophrenie. In ersterer bin ich ein austauschbarer Jedermann, in letzterer exakt mein Zwilling.

Ihr werdet sagen, dass dies Spezialfall sei. Ich werdet denken, ich habe zuviele Kapitel geschrieben und mich nun versehentlich im Heizungsraum meines Buches eingeschlossen. Kein entschlossener Einspruch von mir. Vielleicht habt ihr Recht. Wäre natürlich schade um dieses halbe Kapitel. Aber noch gebe ich nicht auf.

Wir haben über VPN-Server gesprochen, den Tunnel, durch den ich gehe, um mich meiner Identität zu entledigen. Das Internet ist ein staatlich belauschter Raum geworden. Ich muss mich meiner Identität entledigen, wenn ich mich frei bewegen will. Doch setze ich keine Tarnkappe auf, mit der ich unsichtbar bin. Ich bin schon sichtbar, nur eben als ein anderer. Der Anbruch der Nacht zwischen Mr. Hyde und Dr. Jekill ist nicht anders als dieser Tunnel.

Ich wähle ein Bild von mir, einen Avatar. Das ganze Netz ist voll von diesen Selbstbildern. Ich wähle einen Nickname, ein sinntragendes Pseudonym. Der Weg ist nicht weit, eine Persönlichkeit zu wählen, die dazu passt. In den Boards wird diese Persönlichkeit anerkannt, solange ich mich selbst darin zurechtfinde. Real Life hat keinen sehr hohen Stellenwert im Netz. Mr Hyde? Wer ist das?

Die Romanfiguren in den Papierbüchern tragen oft Gutes und Böses in sich vereint. Diese Menschen ringen um die Entscheidung, ihr Schicksal verläuft an der Gradlinie der Unentschiedenheit. Sie ringen mit sich selbst. Es sind komplex aufgebaute, mehrdimensionale Gestalten mit Untiefen und Geheimnisse.

Was aber ist mit König Lear und seinem Narr. Der König redet Unsinn, der Narr Sinn. Es ist eine Zwillingsrolle. Dreimal wird getauscht. Was ist mit den zwei Brüdern Karamasov? Kleist hat mit Zwilligsrollen gespielt. Vorbild sind die griechischen Gottmenschen und Menschengötter.

Sehen wir uns einen Thriller an. Ich teile den Serienmörder in zwei Schriftformate auf - Standard- und Kursivschrift. Ich kann eine Frau schildern, die liebt und zweifelt. Mache ich lieber zwei Schwestern draus. Fantasy kürzt radikal. Niemand fliegt und zaubert. Ist auch egal, wenn das nicht stimmt - ihr wisst, was ich meine. Ehe eine Figure an Komplexität zulegt, wird abgespalten. Und so weiter und so weiter.

Das ganze Internet ist voll von liebevoll gewählten Bildchen und Nicks. Denkt an die Avatare, wenn eine Figur mit euch Verstecken spielt. Ärgert euch nicht lange rum - schneidet sie in mundgerechte Portionen.