David Gray rückt in seinem Post einige Vorurteile unsere kleine Indie-Szene betreffend zurecht. Auch an anderer Stelle wehren sich Indie-Autoren gegen den Vorwurf die Qualitätsnorm nicht zu erfüllen.
Unsere Indie-Szene wird verspottet und verachtet. Von den Kleinverlagen. Von den Autoren der Kleinverlage. Ich finde zurecht!!!
Ist es nicht legitim von den Kleinverlagen, nach unten zu treten, frage ich. Werden sie doch selbst von den Großverlagen belächelt, weil sie unterhalb der Wahrnehmungsschwelle 'wirtschaften'. Haben sie nicht recht, wenn sie uns vorwerfen, dass unsere Szene abgesehen von einem schmalen Spitzenbereich anarchistisch und autark drauflos schreibt?
Doch die Kleinverlage haben ein eigenes großes Problem. Bisher haben sie den Unterbau der Buchkultur gebildet. Sie hatten zwar keinerlei Marktteilnahme, haben ihre 3 qm Buchmessestand aber immer pünktlich, sauber gekleidet und frisch gefönt bezogen. So war die deutsche Buchwelt eingeteilt, jahrzehntelang. Jetzt kommen wir, die Indie-Autoren, daher - ungehobelt und lärmbelästigend! Eine wenig geordnete Horde von Landstreichern! Aber wer will einem Autor ansehen, ob er gut ist? Dass jemand oft zur Kirche geht, heißt ja nicht, dass er in den Himmel kommt.
Die Kleinverlage haben ein noch viel größeres Problem: Sie setzen auf ein sterbendes Medium: das Papierbuch! Denn nur weil die Autoren der Kleinverlage erfolglos sind, heißt das noch nicht, dass wir sie zu den Indies zählen können.
Indie-Autoren setzen voll auf das Ebook. Sicherlich, eine gewisse Auslese täte uns (und dem Leser) gut. Es fehlt nicht an gegenseitiger Unterstützung, aber es läuft noch zuwenig zusammen. Alles richtig. Aber wir (!!) sind die Internet-Autoren. Das ist unser (!!) Heimstadion. Hier spielen wir auf Sieg. Die Zuschauer stehen hinter uns, keine Frage! Und ein Gegner, der sich vorschnell zum Sieger erklärt hat, kommt uns gerade recht.
Denn das dürfen wir nicht vergessen: Das Spiel ist gerade mal angepfiffen worden!
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Montag, 5. September 2011
Sonntag, 4. September 2011
Rezension: Der Blog Petra van Cronenburg
(Ich weiß, es heißt DAS Blog. Aus klangästhethischen Gründen halte ich mich nicht daran. Auch wenn ich keine Gedichte schreibe, mache ich doch nicht jeden Unklang mit. Da ich aber stolz sagen darf, dass ich gerade die erste (?!) Blog-Rezension schreibe, nehme ich mir die Freiheit der Artikelwahl heraus.)
Der Blog Petra van Cronenburg ist rund um das Schreiben eines Buches geschrieben. Vorgestellt wird die Autorin als eine reale Person, die ihrem Buch einen Platz in der öffentlichen Aufmerksamkeit erobern will. Das Buch, um das es geht, hat alle Anlagen unbeachtet zu bleiben. Der Titel: 'Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos' beschreibt eigentlich schon das Problem, dem sich die Autorin stellt. Es geht um einen russischen Ballettänzer kaum ausprechbaren Namens, heute umfassend vergessen. Das Land ist fremd. Die Zeit ist fern. Ein Tänzer, von dem es nicht einmal eine Videoaufnahme gibt. Ein Mythos, der sich der Beschriftung entzieht. Mehr als eine Annäherung ist nicht möglich. Die Autorin versucht dem Internet, einem geradezu obsessiv vergesslichen Medium, den Wert und die Schönheit einer Antiquität nahe zu bringen.
Um diesen Mann und um das Buch über ihn geht es aber nur vordergründig in diesem Blog. Die Aufgabe, der sich die Autorin stellt, muss scheitern. Es geht nicht um den Erfolg, nicht um das Ziel. Es geht um Scheitern! Wen interessiert das Gelingen? Große Bücher werden über das Scheitern geschrieben. Es geht nicht um Nijinsky, es geht um die Autorin, die unterschwellig zweifelnd umso engagierter ihr Anliegen verfolgt. Es geht um die Liebe zu ihrem Buch, die uns klar und erlebbar wird, weil sie aussichtslos ist. Wie wenig sagt der Erfolg über uns aus! Die Niederlage aber hebt uns aus der Masse hervor.
Die Sprache ist geschliffen. Sorgfältig gewählt und gearbeitet. Dabei ist sie innig und warm. Sie lässt den Leser nicht los. Sie lässt keinen Zweifel zu, dass das Gesagte für ihn, den Leser, von Bedeutung ist. Die Bloggerin nähert sich dem Leben der Autorin nie tiefgründend. Oberflächlichkeit ist ihr erlaubt, da die Autorin immer und jederorts sie selbst ist, als wäre ihr jede Undeutlichkeit und Brüchigkeit abhanden gekommen. Als wolle die Bloggerin diese Intaktheit unter Beweis stellen, ändert sich der Blickwinkel auf die Autorin unablässig. Und doch hält der Sprachstil alle äußerliche Unruhe wie in einer großen tänzerischen Bewegung gefasst. Wenn ich diesen Blog vom Inhaltsblog unterscheide, habe wir es hier mit einem Formblog zu tun, in dem Sinne, dass der Stil einen höheren Stellenwert hat als die Aussage.
Warum habe ich gerade diesen Autorenblog hervorgehoben? Nehmen wir zum Vergleich den Blog Emily Bold, der auf ein andere Art gelungen ist. Er erfüllt seinen Zweck, Aufmerksamkeit und Interesse an ihren Büchern zu wecken. Der Blog Petra van Cronenburg dagegen ist auf eine Weise selbst fiktional, die ich sonst nicht gefunden habe. Die Bloggerin selbst ist eine Gestaltung, während Emily Bold eine reale Person, eine ehrgeizige Autorin, ist. Ihrem Blog fehlt gewollt die literarische Ebene. Sie hat das Anliegen, sich als Autorin vorzustellen. Dass sie Erfolg mit ihrern Büchern haben wird, ist durchaus vorstellbar. Dazu dient der Blog. Er ordnet sich unter. Der Blog Petra van Cronenburg ordnet sich nur scheinbar seiner Aufgabe unter. In Wirklichkeit hüllt er das Anliegen ein und macht es nebensächlich. Der Blog ist das Buch. Eine Autorin, die dem Lärm, der Vergesslichkeit, der Nachlässigkeit Einhalt gebieten will, um ihre absonderliche Kostbarkeit vorzustellen, ist selbst ein Kunstprodukt.
Die Indie-Szene in Deutschland ist noch klein. Wenige nur haben es geschafft, sich mit ihren Büchern in den Verkaufsrängen zu plazieren. Fast unbemerkt (von den Autoren selbst) ist mit ihren Blogs eine eigenständige und beachtete Kunstform entstanden. Der Blog Petra van Cronenburg ist nur ein, wenn auch ein besonderes Beispiel dafür.
Der Blog Petra van Cronenburg ist rund um das Schreiben eines Buches geschrieben. Vorgestellt wird die Autorin als eine reale Person, die ihrem Buch einen Platz in der öffentlichen Aufmerksamkeit erobern will. Das Buch, um das es geht, hat alle Anlagen unbeachtet zu bleiben. Der Titel: 'Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos' beschreibt eigentlich schon das Problem, dem sich die Autorin stellt. Es geht um einen russischen Ballettänzer kaum ausprechbaren Namens, heute umfassend vergessen. Das Land ist fremd. Die Zeit ist fern. Ein Tänzer, von dem es nicht einmal eine Videoaufnahme gibt. Ein Mythos, der sich der Beschriftung entzieht. Mehr als eine Annäherung ist nicht möglich. Die Autorin versucht dem Internet, einem geradezu obsessiv vergesslichen Medium, den Wert und die Schönheit einer Antiquität nahe zu bringen.
Um diesen Mann und um das Buch über ihn geht es aber nur vordergründig in diesem Blog. Die Aufgabe, der sich die Autorin stellt, muss scheitern. Es geht nicht um den Erfolg, nicht um das Ziel. Es geht um Scheitern! Wen interessiert das Gelingen? Große Bücher werden über das Scheitern geschrieben. Es geht nicht um Nijinsky, es geht um die Autorin, die unterschwellig zweifelnd umso engagierter ihr Anliegen verfolgt. Es geht um die Liebe zu ihrem Buch, die uns klar und erlebbar wird, weil sie aussichtslos ist. Wie wenig sagt der Erfolg über uns aus! Die Niederlage aber hebt uns aus der Masse hervor.
Die Sprache ist geschliffen. Sorgfältig gewählt und gearbeitet. Dabei ist sie innig und warm. Sie lässt den Leser nicht los. Sie lässt keinen Zweifel zu, dass das Gesagte für ihn, den Leser, von Bedeutung ist. Die Bloggerin nähert sich dem Leben der Autorin nie tiefgründend. Oberflächlichkeit ist ihr erlaubt, da die Autorin immer und jederorts sie selbst ist, als wäre ihr jede Undeutlichkeit und Brüchigkeit abhanden gekommen. Als wolle die Bloggerin diese Intaktheit unter Beweis stellen, ändert sich der Blickwinkel auf die Autorin unablässig. Und doch hält der Sprachstil alle äußerliche Unruhe wie in einer großen tänzerischen Bewegung gefasst. Wenn ich diesen Blog vom Inhaltsblog unterscheide, habe wir es hier mit einem Formblog zu tun, in dem Sinne, dass der Stil einen höheren Stellenwert hat als die Aussage.
Warum habe ich gerade diesen Autorenblog hervorgehoben? Nehmen wir zum Vergleich den Blog Emily Bold, der auf ein andere Art gelungen ist. Er erfüllt seinen Zweck, Aufmerksamkeit und Interesse an ihren Büchern zu wecken. Der Blog Petra van Cronenburg dagegen ist auf eine Weise selbst fiktional, die ich sonst nicht gefunden habe. Die Bloggerin selbst ist eine Gestaltung, während Emily Bold eine reale Person, eine ehrgeizige Autorin, ist. Ihrem Blog fehlt gewollt die literarische Ebene. Sie hat das Anliegen, sich als Autorin vorzustellen. Dass sie Erfolg mit ihrern Büchern haben wird, ist durchaus vorstellbar. Dazu dient der Blog. Er ordnet sich unter. Der Blog Petra van Cronenburg ordnet sich nur scheinbar seiner Aufgabe unter. In Wirklichkeit hüllt er das Anliegen ein und macht es nebensächlich. Der Blog ist das Buch. Eine Autorin, die dem Lärm, der Vergesslichkeit, der Nachlässigkeit Einhalt gebieten will, um ihre absonderliche Kostbarkeit vorzustellen, ist selbst ein Kunstprodukt.
Die Indie-Szene in Deutschland ist noch klein. Wenige nur haben es geschafft, sich mit ihren Büchern in den Verkaufsrängen zu plazieren. Fast unbemerkt (von den Autoren selbst) ist mit ihren Blogs eine eigenständige und beachtete Kunstform entstanden. Der Blog Petra van Cronenburg ist nur ein, wenn auch ein besonderes Beispiel dafür.
Ein stolzer Hahn
Ist der Indie-Autor also kein Legebatterie-Hähnchen, sondern ein stolzer bodenscharrender, von den Damen bewunderter und die Schlafenden laut weckender Hahn. Meinetwegen. Und Smashwords ist nichts als eine Durchgangsstation in einem ereignisreichen Leben. Und Meatgrinder nur eine sanitäre Maßnahme. Geschenkt und mit Stempel weitergereicht.
Die drei Fragen: Werde ich reich, berühmt, unsterblich? sind mit einem klaren alternativlosen Nein beantwortet worden. Wir wollen in keinen Olymp aufsteigen. Wir werden in absehbarer Zeit keine Steuerspar-Ostimmobilien kaufen. Was also ist der Sinnzweck unseres Tuns?
Halt, fragen wir zuerst einmal, warum nur uns Indie-Autoren solch hochfliegenden Absichten unterstellt werden. Ist doch so. Wenn ich ein Hobbykoch bin, stellt mir jeder den Teller hin und äußert Wünsche bezüglich des Nachtisches. Niemand fragt mich, ob ich Fernsehkoch werden will. Wer fragt eine Malerin, wann der Schätzer von Sotheby's kommt? Ein Hobbykicker wird niemals Profi. Ist das ein Grund, nicht am Sonntag mit den Kumpels auf der Wiese zu stehen?
Das nur uns Indie-Autoren unterstellt wird, dem Größenwahn verfallen zu sein, hat seinen Grund, denke ich. Die Ebooks sind ein relativ neues Phänomen. Dass nur die Veröffentlichung bei einem Verlag der Grund sein kann, ein Buch zu schreiben, kommt für mich aus der Zeit der Papierbücher.
Stellen wir uns vor, ich habe meine Walsungen-Saga fertig gestellt. Der dritte Band ist mit 1.097 Seiten etwas lang geworden, die anderen Bände sind knapp unter 1.000 Seiten geblieben. "Hast du Lust, mein neues Werk zu lesen?" Kann ich das ernsthaft jemandem fragen? "Wenn du am Wochenende nichts vorhast, schau mal rein." Selbst wenn der Bekannte noch keine Sehnenentzündung hat, prüfen geschätze 5 Kilo Buchseiten seiner Belastbarkeit doch ernsthaft.
Es gab also nur einen Grund, 5 Kilo Buch zu schreiben: der Verkauf in den Buchhandlungen. Was anders also sollte ich mit meinem Schreiben bezwecken, als reich und berühmt zu werden?
Aus dieser Zeit kommen die drei Fragen, die uns nervigerweise sofort gestellt werden. Sie werden uns nicht mehr lang gestellt werden. Mit den Ebooks wiegt meine Walsungen-Saga nicht mehr als ein Gedicht. Das Schreiben von Langwerken wird bald als ein alltägliches Hobby angesehen - wie Origamie falten oder Vogelspinnen züchten.
Die drei Fragen: Werde ich reich, berühmt, unsterblich? sind mit einem klaren alternativlosen Nein beantwortet worden. Wir wollen in keinen Olymp aufsteigen. Wir werden in absehbarer Zeit keine Steuerspar-Ostimmobilien kaufen. Was also ist der Sinnzweck unseres Tuns?
Halt, fragen wir zuerst einmal, warum nur uns Indie-Autoren solch hochfliegenden Absichten unterstellt werden. Ist doch so. Wenn ich ein Hobbykoch bin, stellt mir jeder den Teller hin und äußert Wünsche bezüglich des Nachtisches. Niemand fragt mich, ob ich Fernsehkoch werden will. Wer fragt eine Malerin, wann der Schätzer von Sotheby's kommt? Ein Hobbykicker wird niemals Profi. Ist das ein Grund, nicht am Sonntag mit den Kumpels auf der Wiese zu stehen?
Das nur uns Indie-Autoren unterstellt wird, dem Größenwahn verfallen zu sein, hat seinen Grund, denke ich. Die Ebooks sind ein relativ neues Phänomen. Dass nur die Veröffentlichung bei einem Verlag der Grund sein kann, ein Buch zu schreiben, kommt für mich aus der Zeit der Papierbücher.
Stellen wir uns vor, ich habe meine Walsungen-Saga fertig gestellt. Der dritte Band ist mit 1.097 Seiten etwas lang geworden, die anderen Bände sind knapp unter 1.000 Seiten geblieben. "Hast du Lust, mein neues Werk zu lesen?" Kann ich das ernsthaft jemandem fragen? "Wenn du am Wochenende nichts vorhast, schau mal rein." Selbst wenn der Bekannte noch keine Sehnenentzündung hat, prüfen geschätze 5 Kilo Buchseiten seiner Belastbarkeit doch ernsthaft.
Es gab also nur einen Grund, 5 Kilo Buch zu schreiben: der Verkauf in den Buchhandlungen. Was anders also sollte ich mit meinem Schreiben bezwecken, als reich und berühmt zu werden?
Aus dieser Zeit kommen die drei Fragen, die uns nervigerweise sofort gestellt werden. Sie werden uns nicht mehr lang gestellt werden. Mit den Ebooks wiegt meine Walsungen-Saga nicht mehr als ein Gedicht. Das Schreiben von Langwerken wird bald als ein alltägliches Hobby angesehen - wie Origamie falten oder Vogelspinnen züchten.
Montag, 8. August 2011
Der Indie-Szene fehlt die Mitte
Kommentar von David Gray zu diesem Blogbeitrag:
Hi Peter,
es mag sein, dass Du schon von mir gehört hast. Ich gehöre zusammen mit Emily Bold, Andreas Stetter, und Rainer Innreiter, zu den wenigen derzeit wirklich erfolgreichen Indie Autoren, mit Langzeit-Spitzenplätzen auf den Amazon.de Charts. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass sich Indies ein starkes Netzwerk wünschen, in dem sie ihre Ideen und Erfahrungen austauschen oder sich gegenseitig Hilfestellung beim Marketing ihrer Werke leisten. Aber: sich gegenseitig Gefälligkeitsrezensionen zu schreiben, ist definitiv nicht der rechte Weg. Das bleibt über kurz oder lang nämlich den Lesern nicht verborgen. Und die Leser sind das A und O für jeden im Buchgeschäft, ob Ebook oder Print.
Die Indie Autoren haben unter einem Großteil der Leser / Käufer immer noch einen schlechten Ruf. Ich bin der erste, der dies bedauert und sich strikt gegen irgendwelche – wie gut auch immer gemeinten – Versuche wendet, das Image der Indie Autoren noch weiter zu verschlechtern. Aber ich bin genauso der erste, der zum tausendsten Male auch hier wieder betont, dass die wichtigste Voraussetzung zum Indie Erfolg eben nicht in drei oder vier Sterne Rezensionen besteht, sondern in einem guten Text und einem ansprechenden Cover. Würden sich mehr Indies genau darum noch etwas mehr bemühen, als das derzeit üblich zu sein scheint, hätten auch mehr von ihnen Charterfolge zu verzeichnen.
Hi Peter,
es mag sein, dass Du schon von mir gehört hast. Ich gehöre zusammen mit Emily Bold, Andreas Stetter, und Rainer Innreiter, zu den wenigen derzeit wirklich erfolgreichen Indie Autoren, mit Langzeit-Spitzenplätzen auf den Amazon.de Charts. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass sich Indies ein starkes Netzwerk wünschen, in dem sie ihre Ideen und Erfahrungen austauschen oder sich gegenseitig Hilfestellung beim Marketing ihrer Werke leisten. Aber: sich gegenseitig Gefälligkeitsrezensionen zu schreiben, ist definitiv nicht der rechte Weg. Das bleibt über kurz oder lang nämlich den Lesern nicht verborgen. Und die Leser sind das A und O für jeden im Buchgeschäft, ob Ebook oder Print.
Die Indie Autoren haben unter einem Großteil der Leser / Käufer immer noch einen schlechten Ruf. Ich bin der erste, der dies bedauert und sich strikt gegen irgendwelche – wie gut auch immer gemeinten – Versuche wendet, das Image der Indie Autoren noch weiter zu verschlechtern. Aber ich bin genauso der erste, der zum tausendsten Male auch hier wieder betont, dass die wichtigste Voraussetzung zum Indie Erfolg eben nicht in drei oder vier Sterne Rezensionen besteht, sondern in einem guten Text und einem ansprechenden Cover. Würden sich mehr Indies genau darum noch etwas mehr bemühen, als das derzeit üblich zu sein scheint, hätten auch mehr von ihnen Charterfolge zu verzeichnen.
Den Beitrag von David möchte ich hier mal gesondert kommentieren:
David, ich bin eindeutig nicht der Meinung, dass es mit guter Arbeit und einem ansprechenden Cover getan ist. Das mag für dich und drei andere gelten, aber die Mehrheit der Indies kommt so nicht in die Startlöcher. Du erwähnst ja selbst den Wunsch nach einem starken Netzwerk.
Es fehlt in unserer Szene eindeutig an Struktur. Wie nicht zu übersehen, komme ich ein bisschen (als passiver, aber grundehrlicher User) aus der Piratenszene. In vielen Dingen sollten wir Indies uns an denen ein Vorbild nehmen. Grundvoraussetzung für deren Erfolg ist die zentrale Boardstruktur. Hier tauschen sich alle aus. Hier wird die Arbeit abgestimmt und abgeschottet.
Kann sein, dass eine (öffentliche) Rezensionsbörse keine gute Idee war. Die Grundidee ist, zu einem zentralen Indie-Forum zu kommen, wie es sie in den US (siehe meine Links zu den Writer Foren) gibt. Diese Foren sind das exakte Spiegelbild der großen deutschen Piratenboards. Hier tauschen sich die US-Indies kontinuierlich und nachlesbar aus.
Letzten Ende geht es mir nicht um eine Rezensionsbörse, sondern um eine Indiebörse.
Samstag, 6. August 2011
Bookrix wird das deutsche Smashwords
Smashwords ist zum ganz großen Player im US-Markt geworden. Als reiner Ebook-Distributor konvertieren sie die Files der Selfpublisher über ihren 'Meatgrinder', teilen ihnen kostenlos eine ISBN zu, um sie auf den diversen Verkaufsplattformen plazieren zu können. Zur gleichen Zeit betreiben sie aber auch selbst einen Store, in dem der Autor nicht 60%, sondern 85% Provision bekommt - für dasselbe Buch, auf einer absolut gleichrangingen Verkaufsplattform.
Anders als die anderen Player erlaubt und promotet Smashwords auch 'free ebooks', die ihnen nichts als jede Menger Leser einbringen. Bei allen anderen Plattformen ist der Mindestpreis $ 0,99. Die enormen Besucherzahlen von Smashwords dürften auch hierin ihren Grund haben.
Erstaunlicherweise hat Smashwords den großen deutschsprachigen Markt (immerhin gut halb so groß wie der amerikanische) links liegen gelassen. Während für Joe Konrath die nächste Hauptstufe des Selfpublishing die Übersetzung ist - ausdrücklich für den deutschen Markt - hat der ihm eng verbundene Mark Coker (Gründer von Smashwords) ein Schläfchen gehalten.
Bookrix kündigt nun an, dass sie bald die Ebooks der deutschen Indie-Autoren bei den großen Verkaufsplattformen unterbringen werden. Eine ISBN wird (und muss) zugeteilt werden. Das Ausgangsformat wird so konvertiert, dass es sogar die Hürde des ibook-Store nehmen soll. Das ist ehrgeizig und noch in der Testphase. Auch am Meatgrinder sind schon viele Selfpublisher gescheitert.
Sollte es Bookrix tatsächlich gelingen, ein praktikables Konvertierungstool anzubieten, dann kann Smashwords den deutschsprachigen Markt vergessen. Bookrix bietet dann alles: provisionsgünstige Konvertierung, eine eigene Verkaufsplattform und jede Menge € 0,00-Ebooks. Über letztere ist Bookrix zur größten deutschen Lesercommunity aufgestiegen.
Durch seine frei verfügbaren Ebooks hat Bookrix neben den Buchpiraten - aber sicherlich vor Libri.de und Amazon - die größte deutsche Lesercommunity. Bald ist Bookrix wie Smashwords in den drei Marktsegmenten positioniert. Die völlig unbekannten Autoren bieten ihre frühen Ebooks erst einmal umsonst an. Viele werden später den Mut finden, ihre Ebooks auch für € 0,99 anzubieten. Einige wenige werden auch zu höheren Preisen ihre Leser finden.
Smashwords war die entscheidende Voraussetzung für den Erfolg der US-Indies. Jetzt schafft Bookrix die Basis für einen Erfolg der Deutsch-Indies.
Anders als die anderen Player erlaubt und promotet Smashwords auch 'free ebooks', die ihnen nichts als jede Menger Leser einbringen. Bei allen anderen Plattformen ist der Mindestpreis $ 0,99. Die enormen Besucherzahlen von Smashwords dürften auch hierin ihren Grund haben.
Erstaunlicherweise hat Smashwords den großen deutschsprachigen Markt (immerhin gut halb so groß wie der amerikanische) links liegen gelassen. Während für Joe Konrath die nächste Hauptstufe des Selfpublishing die Übersetzung ist - ausdrücklich für den deutschen Markt - hat der ihm eng verbundene Mark Coker (Gründer von Smashwords) ein Schläfchen gehalten.
Bookrix kündigt nun an, dass sie bald die Ebooks der deutschen Indie-Autoren bei den großen Verkaufsplattformen unterbringen werden. Eine ISBN wird (und muss) zugeteilt werden. Das Ausgangsformat wird so konvertiert, dass es sogar die Hürde des ibook-Store nehmen soll. Das ist ehrgeizig und noch in der Testphase. Auch am Meatgrinder sind schon viele Selfpublisher gescheitert.
Sollte es Bookrix tatsächlich gelingen, ein praktikables Konvertierungstool anzubieten, dann kann Smashwords den deutschsprachigen Markt vergessen. Bookrix bietet dann alles: provisionsgünstige Konvertierung, eine eigene Verkaufsplattform und jede Menge € 0,00-Ebooks. Über letztere ist Bookrix zur größten deutschen Lesercommunity aufgestiegen.
Durch seine frei verfügbaren Ebooks hat Bookrix neben den Buchpiraten - aber sicherlich vor Libri.de und Amazon - die größte deutsche Lesercommunity. Bald ist Bookrix wie Smashwords in den drei Marktsegmenten positioniert. Die völlig unbekannten Autoren bieten ihre frühen Ebooks erst einmal umsonst an. Viele werden später den Mut finden, ihre Ebooks auch für € 0,99 anzubieten. Einige wenige werden auch zu höheren Preisen ihre Leser finden.
Smashwords war die entscheidende Voraussetzung für den Erfolg der US-Indies. Jetzt schafft Bookrix die Basis für einen Erfolg der Deutsch-Indies.
Dienstag, 26. Juli 2011
Indie = € 0,00 - was sonst?
Meinen ersten Roman habe ich fast fertig. Fehlen noch 4-5 Kapitelchen, dann ist alles fertig. Stellt sich die Frage, was das gute Stück kosten soll.
Ich bin in allen großen Autoren-Leser-Boards gewesen und habe mich umgesehen. Alle Autoren heften ihrem Buch irgendeinen Preis an. Nirgendwo, wirklich nirgendwo (bitte berichtigt mich!) habe ich den Jubel gehört, der bei Einnahmen oberhalb der Wahrnehmungsgrenze ausbrechen würde! Ich vermute mal, alle Indie-Autoren zusammen machen im Monat nicht mehr als einen dreistelligen Umsatz - ALLE ZUSAMMEN! Wenn das stimmt (bitte berichtigt mich!), dann ist jeder Preis oberhalb von € 0,00 Wunschdenken.
Ein Preis ist ein Angebot an den Käufer, keine Nabelschau des Verkäufers. Letzteres schien mir sehr häufig der Fall. Als würde ein Preis von € 0,00 mein Buch abwerten. Was mein Buch wirklich abwertet, ist das völlige Desinteresse der Leser. Nur ist dieses unsichtbar, der Preis dagegen sichtbar. Das ist der bequemeste Weg: Ich hefte einen Preis an und verabschiede mich vom Publikum in meinen Märchenturm.
Also nehme ich mir Henry Baum als Vorbild, dem es über einen Umweg gelungen ist, sein Buch auch bei Amazon auf € 0,00 zu drücken - mit riesigem Erfolg (Platz 19 der Bestsellerliste). Es gibt genug Leute in den US-Blogs, die voraussagen, dass auch der Preis von $ 0,99 nicht zu halten sein wird. Es wird ernsthaft diskutiert - macht euch keine falschen Vorstellungen - ob Ebooks nicht grundsätzlich verschenkt werden sollen. Wie Henry Baum sagt: "It means readers will be less and less willing to actually pay for books."
Es ist einleuchtend, dass ich für mein Buch zwei Dinge erreichen kann: den Verkauf und das Lesen. Wenn ich es schon nicht verkaufen kann, dann will ich wenigstens, dass es gelesen wird. Das ist die Logik. Jeder Indie-Autor, der sein Werk mit einem Phantasiepreis versieht, wird weder Verkäufe noch Leser haben.
Gleiches gilt für unbekannte Autoren von kleinen Verlagen. Ich schreibe bald Rezensionen für bloggdeinbuch. Wenn ich die Preise sehe, dann kommen mir die Tränen. Ich will schon glauben, dass die Verlage einen bestimmten Umsatz (= Preis x Verkäufe) erreichen müssen. Die Preisfestlegung ist nicht das Problem - bei der Verkaufszahl bricht die Kalkulation zusammen.
Insofern haben wir reinen Indie-Autoren einen echten Vorteil. Wir haben keinen Verlag am Bein, der einen Kreditgeber am Bein hat. Bei Bookrix habe ich in der Tat viele Bücher gesehen, die umsonst sind. So werden Leser gewonnen. Dass diese sich daran gewöhnen werden, nichts zu bezahlen (s. Henry Baum), ist nicht zu ändern.
Wenn mich jemand fragt: >Womit sollen wir Geld verdienen?<, muss ich antworten: >Weiß ich auch nicht!< Ich weiß nur eins: Mit Phantasiepreisen verdient ihr kein Geld!
Ich bin in allen großen Autoren-Leser-Boards gewesen und habe mich umgesehen. Alle Autoren heften ihrem Buch irgendeinen Preis an. Nirgendwo, wirklich nirgendwo (bitte berichtigt mich!) habe ich den Jubel gehört, der bei Einnahmen oberhalb der Wahrnehmungsgrenze ausbrechen würde! Ich vermute mal, alle Indie-Autoren zusammen machen im Monat nicht mehr als einen dreistelligen Umsatz - ALLE ZUSAMMEN! Wenn das stimmt (bitte berichtigt mich!), dann ist jeder Preis oberhalb von € 0,00 Wunschdenken.
Ein Preis ist ein Angebot an den Käufer, keine Nabelschau des Verkäufers. Letzteres schien mir sehr häufig der Fall. Als würde ein Preis von € 0,00 mein Buch abwerten. Was mein Buch wirklich abwertet, ist das völlige Desinteresse der Leser. Nur ist dieses unsichtbar, der Preis dagegen sichtbar. Das ist der bequemeste Weg: Ich hefte einen Preis an und verabschiede mich vom Publikum in meinen Märchenturm.
Also nehme ich mir Henry Baum als Vorbild, dem es über einen Umweg gelungen ist, sein Buch auch bei Amazon auf € 0,00 zu drücken - mit riesigem Erfolg (Platz 19 der Bestsellerliste). Es gibt genug Leute in den US-Blogs, die voraussagen, dass auch der Preis von $ 0,99 nicht zu halten sein wird. Es wird ernsthaft diskutiert - macht euch keine falschen Vorstellungen - ob Ebooks nicht grundsätzlich verschenkt werden sollen. Wie Henry Baum sagt: "It means readers will be less and less willing to actually pay for books."
Es ist einleuchtend, dass ich für mein Buch zwei Dinge erreichen kann: den Verkauf und das Lesen. Wenn ich es schon nicht verkaufen kann, dann will ich wenigstens, dass es gelesen wird. Das ist die Logik. Jeder Indie-Autor, der sein Werk mit einem Phantasiepreis versieht, wird weder Verkäufe noch Leser haben.
Gleiches gilt für unbekannte Autoren von kleinen Verlagen. Ich schreibe bald Rezensionen für bloggdeinbuch. Wenn ich die Preise sehe, dann kommen mir die Tränen. Ich will schon glauben, dass die Verlage einen bestimmten Umsatz (= Preis x Verkäufe) erreichen müssen. Die Preisfestlegung ist nicht das Problem - bei der Verkaufszahl bricht die Kalkulation zusammen.
Insofern haben wir reinen Indie-Autoren einen echten Vorteil. Wir haben keinen Verlag am Bein, der einen Kreditgeber am Bein hat. Bei Bookrix habe ich in der Tat viele Bücher gesehen, die umsonst sind. So werden Leser gewonnen. Dass diese sich daran gewöhnen werden, nichts zu bezahlen (s. Henry Baum), ist nicht zu ändern.
Wenn mich jemand fragt: >Womit sollen wir Geld verdienen?<, muss ich antworten: >Weiß ich auch nicht!< Ich weiß nur eins: Mit Phantasiepreisen verdient ihr kein Geld!
Donnerstag, 14. Juli 2011
Ebooks in Deutschland - wann die Stunde schlägt!
Wovon redet dieser Peter eigentlich?
Jeder, der meinen Blog liest, wird sich verwundert die Augen reiben, wenn er an einer wirklichen Buchhandlung vorbeigeht. Sind die nicht schon längst ausgestorben? In der Straßenbahn lesen die Frauen aus bräunlich rauen Papierseiten. Auf eine, die einen EbookReader liest, kommen fünfzehn, die in modrigen Seiten blättern. Auch die Verlage melden gute Geschäfte. Konkurs sieht anders aus!
Wann, lieber Peter, kommt denn nun die schöne Welt der Digitalisierung. Wann werden alle Autoren - bekannt oder unbekannt - nebeneinander auf ein und demselben Buchregal stehen?
Okay, Leute, ich lege mich fest. Ich wolke nicht rum. Ich schließe die Hintertüren ab und gebe euch die Schlüssel.
In diesem Weihnachtsgeschäft werden die EbookReader das Geschenk für die Frau sein! Die Discounter werden mit eigenen Produkten kommen, Amazon ist drin im Geschäft, die Handyshops haben vorgefühlt. In diesem Weihnachtsgeschäft wird die Welle rolllen. Es wird zum ersten Mal gute EbookReader für deutlich unter € 100,- geben, denen der Weihnachtskonsument an jeder Ecke begegnet.
Erst dann - die Leute können ja nicht in ihren Handflächen lesen - ist die Bedingung für den Umstieg auf das neue Buchformat gegeben. Aber, Leute, dann geht es rasend schnell!
Die ganze Infrastruktur ist vorhanden. Der Enkel zeigt seiner Tante, wie das Ding funktioniert. Lädt ihr für die erste Lektüre ein paar hundert 'befreite' Ebooks (Muss sie ja nicht wissen, die Gute!) runter. Nach einer Stunde hat die Tante das Ebook zurück - und er seine Ruhe. Ohne Enkel wird es zwar richtig teuer, aber Sonder-, Gratis- und Dazu-Angebote werden die erste Runde des Lesens erträglich machen.
Ich lege mich fest: Im Frühjahr 2012 wird der Buchindustrie richtig bang ums kalte Herz.
Jeder, der meinen Blog liest, wird sich verwundert die Augen reiben, wenn er an einer wirklichen Buchhandlung vorbeigeht. Sind die nicht schon längst ausgestorben? In der Straßenbahn lesen die Frauen aus bräunlich rauen Papierseiten. Auf eine, die einen EbookReader liest, kommen fünfzehn, die in modrigen Seiten blättern. Auch die Verlage melden gute Geschäfte. Konkurs sieht anders aus!
Wann, lieber Peter, kommt denn nun die schöne Welt der Digitalisierung. Wann werden alle Autoren - bekannt oder unbekannt - nebeneinander auf ein und demselben Buchregal stehen?
Okay, Leute, ich lege mich fest. Ich wolke nicht rum. Ich schließe die Hintertüren ab und gebe euch die Schlüssel.
In diesem Weihnachtsgeschäft werden die EbookReader das Geschenk für die Frau sein! Die Discounter werden mit eigenen Produkten kommen, Amazon ist drin im Geschäft, die Handyshops haben vorgefühlt. In diesem Weihnachtsgeschäft wird die Welle rolllen. Es wird zum ersten Mal gute EbookReader für deutlich unter € 100,- geben, denen der Weihnachtskonsument an jeder Ecke begegnet.
Erst dann - die Leute können ja nicht in ihren Handflächen lesen - ist die Bedingung für den Umstieg auf das neue Buchformat gegeben. Aber, Leute, dann geht es rasend schnell!
Die ganze Infrastruktur ist vorhanden. Der Enkel zeigt seiner Tante, wie das Ding funktioniert. Lädt ihr für die erste Lektüre ein paar hundert 'befreite' Ebooks (Muss sie ja nicht wissen, die Gute!) runter. Nach einer Stunde hat die Tante das Ebook zurück - und er seine Ruhe. Ohne Enkel wird es zwar richtig teuer, aber Sonder-, Gratis- und Dazu-Angebote werden die erste Runde des Lesens erträglich machen.
Ich lege mich fest: Im Frühjahr 2012 wird der Buchindustrie richtig bang ums kalte Herz.
Samstag, 2. Juli 2011
III.9 Anderwelt und Real Life
Ich bin ein Stufe 40-Spieler, habe quasi den braunen Gürtel in World of Warcraft erreicht. In den letzten Nächten habe ich mich dahin vorgekämpft: Aufgaben gelöst, Waffen erbeutet, Bonuspunkte gesammelt. Ich besitze jetzt ein Reittier. Wenn euch das nichts sagt: Ich darf angreifen, aber nicht angegriffen werden. Wir Paladine kämpfen mit der Kraft des Lichts gegen Untote und Dämone. Ich bin ein Paladin.
Aber auch ein Paladin muss essen. Dafür muss er vor die Haustür treten. Am helllichten Tag ist jedermann unterwegs. Der Dackel der Nachbarin bellt ihn an. Während Dämonen die Flucht vor ihm ergreifen, kötert ein kleiner wurstförmiger Hund ihn an. Die Nachbarin fegt mit einem stieligen Feuchtding um den Paladin herum und nennt ihn ‘Lumpenstudent’. Der Hausmeister redet laut mit sich: “Zahlt keine Miete, hat aber eine 50.000er-Leitung!”
Das Außenlicht ist grell. Gibt es keinen Regler für ‘Außenlicht’? Wie halten die Leute, die hier leben müssen, diesen dumpfen Lärm bloß aus? Die Farben sind blass, die Menschen kummerlich. Ihre Augen sehen nur die eigenen Füsse. Mit kleinen Schritten sind sie auf kurzen Wege unterwegs. >Real Life< ist kein Märchenland!
Fühlt ihr auch wie dieser Paladin, wenn euer Buch fertig ist? Es hat soviel Arbeit gemacht, soviel Versenkung und Kraft gekostet - und war doch ein einziger Höhenflug! Seid ihr als Autor nicht wie dieser Paladin, der Untote und Dämonen besiegen durfte, weil er eine Anderwelt betreten und erobert hat?
Nun ist alles vorbei! Hier ist >Real Life<! Niemand liest euer Buch. Niemand weiß, dass ihr ein Autor geworden seid. Niemand weiß, dass selbst berühmte Bücher von unberühmten Schriftstellern geschrieben wurden. Niemand weiß, dass es diese Anderwelt gibt. Ihr müsst euch die kleinen Schritte wieder angewöhnen. Müsst euch selbst die kürzesten Wege erfragen. Eure Anderwelt ist für die Graumenschen nichts als eine Krankheit. >Seht zu, dass ihr schnell wieder gesund werdet!< rufen sie euch zu.
Haben sie recht?
Hat der Paladin, als er die Welt der Waffenkunst betrat, einen Platz im >Real Life< gesucht? Wolltet ihr berühmt und reich werden, als ihr mit dem Schreiben anfingt? Was wollten der Paladain oder ihr Schreiber wirklich? Worum tatsächlich ging es?
Klar, ihr wolltet euren Vorbildern nacheifern, die alle berühmte Schriftsteller sind. Aber wollten eure Vorbilder, als sie mit dem Schreiben begannen, selbst reich und berühmt werden? Hätten sie aufgehört zu schreiben, wenn Reichtum und Erfolg ausgeblieben wären. Hätte Stephenie Meyer nur ein Buch geschrieben oder würde sie noch heute - unberühmt - schreiben?
Fragt euch, wass ihr wirklich wollt! Wenn es Reichtum und Ansehen ist, hört auf mit dem Schreiben. Werdet Filmschauspieler oder Supermodel - da sind eure Chancen erheblich größer. Wenn ihr aber gegen Dämonen und Untote in die Schlacht ziehen wollt, wenn ihr wie Don Quijote in dieser Schlacht etwas anderes sucht als Ruhm und Ehre, dann denke ich, solltet ihr weiter schreiben … ehe ihr im >Real Life< einen gewaltigen Kater bekommt.
Donnerstag, 23. Juni 2011
III.3 Massenboard oder Einzelblog?
Mein Ebook ist jetzt hochgeladen. Es bestimmt die Schlagzeilen der Weltnachrichten. Streitet sich mit Griechenlandkrise und Frauen-WM um den Platz hinter dem Afganistan-Rückzug. Ihr wisst Bescheid?
Nicht!? Na ja, ehrlich gesagt, liegt es nicht ganz auf den vorderen Plätzen. Urehrlich gesagt, liegt es ziemlich sehr weit hinten sogar. Kurz mal bei den Neuheiten, dann war es futsch, weg, verschwunden für alle Zeit. Vielleicht gibt es noch eins, das schneller verschwunden war. Das würde mich aber wundern.
Jedenfalls liege ich in der Kategorie Grau-Schwarz-Unsichtbar ziemlich weit vorne. Es geht ja auch nach Zeit. Wie schnell schaffe ich es, in der Senke der Versenkung zu verschwinden. Mein Buch wird für den Silbernen Nachelf nachnominiert - immerhin.
Also jetzt ganz unter uns - ich zähle auf eure Verschwiegenheit - das ist doch alles Großmist! Okay, ihr könnt sagen (oder denken): >Dein Problem, dein Großmist!< Ich sage aber blitzretour, dass geht jedem Indie-Autoren so. Vielleicht sind die anderen Indie-Ebooks nicht ganz so schnell weg wie meins, vielleicht ein paar Zehntel Sekunden dahinter! Aber weg sind sie, so schnell, dass ihr mit eurem wachen Auge den Unterschied nicht bemerkt.
Stellt sich also die Frage - ich zähle auf eure Chattigkeit - ob Smashwords oder Amazon und ibookstore überhaupt das richtig gewählte Plattform sind. Was will ich als völlig unbekannter Indie-Autor auf solchen Massendingern?
Jetzt seht euch mal einen Blog an, wie den von carolgrayson-darkromance. Gut, ich gebe zu, das ist Profiarbeit. Was sagt ihr selbst? Hat sich die Mühe gelohnt, die sie in den Blog investiert hat? Sie hätte sich noch so anstrengen können in einer der Groß-Plattformen - was hätte es ihr genutzt?
Ist das Bloggen nicht die beste Form, sich als Indie-Autor zu präsentieren? Jeder von uns Indie-Autoren macht sein eigenes kleines Geschäft auf. Wir sehen zu, dass wir uns verlinken, um schnell gefunden zu werden. Machen wir eine nette kleine Einkaufszone auf - ach, was rede ich! - machen wir eine riesige Indie-Einkaufsstadt auf, mit Fußgänger- und Autostau, Geschubse, Gelärme, Kindern, die ihre Mutter suchen, durstigen Vätern, mit Rabattlautsprechern, zertretenen Pommesschalen und Schüttelwein - mit allem, was die Leute so lieben!
Sonntag, 19. Juni 2011
II.14 Erzähler oder Dramaturg
Charon brachte die Toten über den Fluss Acheron zum Eingang des Hades. Auf die Fähre dieses unbestechlichen Fährmannes durfte nur, wer die Begräbnisriten empfangen hatte und dessen Überfahrt mit einer Geldmünze, dem sogenannten „Charonspfennig“, bezahlt worden war. Jene Toten, die kein Begräbnis erhalten hatten und denen Charon deshalb den Zugang verwehrte, mussten hundert Jahre warten und an seinem Ufer als Schatten umherirren.
Wo sich zwischen der Wirklichkeit und dem Buch die innere, die subjektive Zeit wie ein Grenzfluss ausdehnt, steht der Erzähler wie ein Fährmann, der die Seligen von den Verdammten unterscheidet. Der nur denen die Überfahrt gestattet, die sich ihm ordentlich ausweisen können.
Von den Schriftstellern der älteren Generation wird die Wirklichkeit als bedrohlich angesehen. Sie sehen ihre Aufgabe darin, dem Leser einen Fluchtraum zu bieten. Ein direkter Kontakt mit der Wirklichkeit ist vom Autor nicht vorgesehen und vom Leser nicht gewünscht. Beide sehen sich als Verlierer, nicht als Gewinner einer unbegreiflichen Zukunft.
Also zieht der Leser eine vom Autor fürsorglich hergerichtete Welt vor. Die Personen darin haben kein eigenes Leben, keinen Freiraum. Sie sind zwar selig gesprochen, aber leblos. Sie werden erzählt. Die Handlung hat keinen Weltgehalt. Sie enthält Weltsicht. Die ältere Literatur ist in großen Teilen direkt und offen zugegeben Wirklichkeitsverweigerung. Der Autor ist Fluchthelfer.
Also zieht der Leser eine vom Autor fürsorglich hergerichtete Welt vor. Die Personen darin haben kein eigenes Leben, keinen Freiraum. Sie sind zwar selig gesprochen, aber leblos. Sie werden erzählt. Die Handlung hat keinen Weltgehalt. Sie enthält Weltsicht. Die ältere Literatur ist in großen Teilen direkt und offen zugegeben Wirklichkeitsverweigerung. Der Autor ist Fluchthelfer.
Der Dramaturg des Theaters ist sein Gegenpol. Die Personen seines Stückes sind kraft ihrer selbst auf der Bühne. Sie führen ein Eigenleben. Kein Autor greift in die Handlung ein. Folge davon: Jeder Regisseur kann das Bühnenstück auf seine Weise interpretieren. Dem Zuschauer wiederum ist überlassen, ob er dem Regisseur folgt oder seine Interpretation ablehnt. Aus dem Stück selbst heraus ergibt sich keine einzig gültige Auslegung. Es unterwirft sich keinem Urteil.
Auch ein Autor kann sich als Dramaturg begreifen, indem er seinen Personen die Freiheit des Handelns lässt, sie vielschichtig anlegt oder nur skizziert. Die Tuchbahnen der Sichtweisung benutzt er als Untergrund für seine Personen, spannt sie nicht als Zeltdach über ihnen auf. Er tritt zu keinem Zeitpunkt zwischen das Buch und seinen Leser. Dieser hat ein Urteil zu fällen, eine Weltsicht zu entwickeln, nicht der Autor.
Wir Indie-Autoren lehnen die Wirklichkeit nicht ab, sondern profitieren von ihr. Mag sein, dass es in einigen Jahren kein Verlagswesen, keinen Buchhandel, keine Schrifstellerprominenz mehr gibt - das ist ureigentlich nicht unser Problem. Die Zukunft steht frohfrech auf unserer Seite. Als Dramaturg treten wir auf, warum als etwas anderes!?
Samstag, 18. Juni 2011
II.13 Die äußere Zeit, die innere Zeit
Unsere Leser, als heftige Internetuser, erfahren die Zeit als eine von außen auf sie einwirkende. Da sie gut verdrahtet sind, passt der einzelne seinen Zeitrahmen den Zeitvorgaben der Community an. Je größer seine Community ist, je weniger Zeit bleibt ihm. Nicht wenige sind bereit, eigene Zeit völlig aufzugeben. Wofür brauche ich eigene, mit Nichts ausgefüllte Zeit? Was würden meine Freunde und Freundinnen zu solchen Anwandlungen sagen?
Klingt banal. Ist im Alltag auch kein Problem. Beim Schreiben, aber machen sich innere und äußere Zeit den Platz streitig. Sie bilden Gegenpole des Erzählens.
Die äußere, die historische Zeit ist vorgegeben durch die Handlung. Sie ist ein objektiv Maß, das nicht verkürzt oder in die Länge gezogen werden kann. Sie steht über den einzelnen Personen, ist von ihnen nicht beeinflussbar. Sie sind ihr untergeordnet. Die Personen bewegen sich in diesem unsichtbaren Netz. Die einzelne Person ist nichts als Teil der Community, die wiederum ohne Rückstand mit der Handlung verschmilzt. Hat der Autor Community und Handlung entworfen, schreibt sich das Buch wie von selbst.
Die innere, die gelebte Zeit dagegen lässt sich subjektiv dehnen und verdichten. Sie verlässt die Handlung an einem beliebigen Punkt, geht in einer Beschreibung auf, flüchtet auf Trampelpfaden ins Kartenlose. Sie bildet hinter Abschottung eine Ruhezone wie eine Insel. Die Haupthandlung fließt daran vorbei, gleitet sanft darüber wie ein Nebel oder ist gänzlich unsichtbar wie ein warmer Luftstrom. Die Innenzeit umkreist Landschaft und Vergangenheit, taucht im Inneren nach Einsamkeit, Ängsten, Zweifeln, nach Glück, Ruhe, Sehnsucht. Neue Tempobahnen können abzweigen und alte sich wieder vereinen. Es liegt alles in der Hand des Erzählers.
Ganz eindeutig hat die Literatur im 20. Jahrhundert lange ein Gegenbild zur Moderne entworfen, einen Rückzugsraum geschaffen. Jeder Leser war ein Aussteiger aus der Moderne, jedes Buch ein Schlüssel zu einer anderen Welt. Lange Zeit wurde die Gegenwart als feindlich angesehen, wurde eine Anderswelt herbeigesehnt. Die innere Zeit des Erzählens dominierte eindeutig.
Gerade weil sich die ältere Generation - zu Lasten der Jüngeren - versorgt und abgesichert hat, suchen die Jüngeren - was bleibt ihnen übrig! - in der Gegenwart ihre Chance. Das Internet ist ihr Rückzugsraum. Hier hat die ältere Generation keinen Zugang gefunden bzw. jede Orientierung verloren. Mag jeder für sich wissen, wie er mit den beiden Erzählzeiten umgeht. Dem Internet jedenfalls ist die innere Zeit fremd. Seinen Usern sicherlich auch. Es spricht viel dafür, dass wir vor einer Zeitenwende (im wahrsten Sinne) stehen. Nichts anderes steht zur Debatte.
Freitag, 17. Juni 2011
II.12 Das ausgelagerte Ich
Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit - Der bettlägerige Erzähler knabbert ein Gebäck. Mit dem Geschmack erinnert er seine Kindheit, knüpft Erinnerung an Erinnerung, bis ihm die ganze vergangene Welt lebendig geworden ist. Vollständige Lesung aller 7 Bände in 9.380 Minuten, gleich 6,51 Tage. Wer also noch nichts vorhat am Wochenende und in der Woche danach ...
Die Außenwelt ist von der Innenwelt einverleibt worden. Die Gegenwart spielt sich zwischen den Laken (eines Krankenbettes) ab. Es gilt der Vergangenheit nachzudenken. Die Personen sind lebendig im Spiegel der Erinnerung, tot im Grab des Wissens. Die Dinge sind groß und klein nur, weil die Erinnerung sie dazu macht. Eine Welt, die introvertiert, nach innen gewandt ist. Die betrachtend, nicht handelnd erobert werden will. In der du dich verlieren und keine Außentür öffnen wirst.
Das Gegenteil davon ist - KRAWOOM!!! - die extrovertierte Welt. Die Jetztzeit gilt. Das Ich teilt aus. Die Gefahren lauern außen und davon reichlich, und laut und grell. Das Ich erfindet keine Dinge. Schrecken sind schrecklich. Der Alptraum verbrennt dich mit Feueratem. Groß ist groß und macht dich platt. Klein ist gemein und giftig. Sei auf der Hut. Überall. Vor dir die Blumenwiese, in deinem Rücken lauert der Tod. Wo Blätter wehen, hängt gleich ein toter Mann. Im Gelächter dreht sich das Seil. Wer nachdenkt, lebt nicht lang. Finde die Waffe, die dich niemals verwundbar macht.
Also, ich kann eigentlich beides empfehlen - Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit und das neue Alice: Madness Returns. Müsst ihr selbst entscheiden. Ich will euch da nicht reinreden.
Mittwoch, 15. Juni 2011
II.8 Für wen schreiben wir?
Wer einmal mit Literaturagenten zu tun hatte, der weiß, dass sie diese Frage als erstes stellen. Die meisten Autoren werden ratlos sein. Dieselbe Frage an die Maler: Wo werden eure Bilder aufgehängt werden? Ratlosigkeit auch bei ihnen. Doch die Frage ist berechtigt. Wer etwas verkaufen will, muss eine Vorstellung haben, von wem das Geld kommen soll.
Wir Indie-Autoren stehen am Anfang. Für wen schreiben wir?
Jeder Schreiber ist sein erster Leser. Ich bin immer Schreiber und Leser in einem. Mag sein, dass Stephenie Meyer Multimillionärin ist und Schreibteams beschäftigt - am Anfang hat sie für Stephenie Meyer oder eine erinnerte Stephenie Meyer geschrieben. Ich als Indie-Autor beantworte die Frage also so: Mein Leser sieht so aus wie Ich. Punkt.
[Einschub] Es kann auch jemand sein, der mir sehr nahe steht - mein Kind, meine Schwester, meine Eltern. Wichtig ist, dass mir die Person sehr vertraut ist, dass sie mir gut vorstellbar ist. Das Ich, von dem ich hier spreche, ist also nicht wörtlich zu verstehen. [Einschub]
Ich schreibe also für mich. Ich bin mein Leser. Nächste Frage: Wie soll meine Hauptfigur sein? Welcher Person folgt mein Leser bereitwillig in dieses Buch? Mit welcher Person kann er sich identifizieren? Klare Antwort: Ich bin nicht nur Schreiber und Leser, sondern auch die Hauptfigur - anders geht es garnicht. Schaut euch um. Sehr oft ist ein Autor mit seinen Lesern und seiner Hauptfigur deckungsgleich. Wenn ihr die Möglichkeiten bedenkt, die uns die Phanatasie lässt, kann das kein Zufall sein. Offensichtlich liegt hier das Geheimnis des Erfolgs.
Ich als Indie-Autorin habe also eine klare Vorgabe. Ich schreibe nicht für Fremde - ich schreibe für Freundinnen. Auch meine Hauptfigur ist wie eine meiner Freundinnen. Das ist ein großer Vorteil. Ich bin meinen Freundinnen wirklich nah, ich verstehe sie, ich kann mich in sie hineinträumen. Das ist nichts besonderes?
Stellt euch vor, ihr seid ein Verlagsmanager mit einem Lebensstil, den ihr euch finanziell und gesundheitlich eigentlich nicht erlauben könnt: Bluthochdruck, Schulden, Leasingraten, Freundin, Ehefrau, Seilschaften, Konkurrenten. Falls dieser Mann Kinder in eurem Alter hat, dann wird er viel zu müde sein, ihnen abends die Frage zu stellen, was sie gerne lesen. Die Verlage sind riesige Tanker. Die Leserinnen sind kleine Heringe. Ein Tankerkapitän und Heringsschwärme wissen sehr wenig voneinander.
Ihr seht, der Verlagsmanager ist dem Herzinfarkt näher, ihr seid dem Bucherfolg näher. Eure Bedingungen sind ideal. Ihr müsst nur begreifen, was für einen Vorsprung ihr habt. Hört euch um in eurem Bekanntenkreis, was die Mädchen lesen, welche Filme sie sehen. Sind die Träume alle gleich, die Ängste, der Humor? Sehr ihr Veränderungen? Woran haben sie sich sattgelesen? Seht ihr haarfeine Risse? Gewöhnt euch an, neugierig zu sein. Stellt Fragen. Denkt an euren größten Konkurrenten als Indie-Autor - den Mann mit dem roten Kopf, der im Stau steht und sein Lenkrad verflucht.
Wir Indie-Autoren stehen am Anfang. Für wen schreiben wir?
Jeder Schreiber ist sein erster Leser. Ich bin immer Schreiber und Leser in einem. Mag sein, dass Stephenie Meyer Multimillionärin ist und Schreibteams beschäftigt - am Anfang hat sie für Stephenie Meyer oder eine erinnerte Stephenie Meyer geschrieben. Ich als Indie-Autor beantworte die Frage also so: Mein Leser sieht so aus wie Ich. Punkt.
[Einschub] Es kann auch jemand sein, der mir sehr nahe steht - mein Kind, meine Schwester, meine Eltern. Wichtig ist, dass mir die Person sehr vertraut ist, dass sie mir gut vorstellbar ist. Das Ich, von dem ich hier spreche, ist also nicht wörtlich zu verstehen. [Einschub]
Ich schreibe also für mich. Ich bin mein Leser. Nächste Frage: Wie soll meine Hauptfigur sein? Welcher Person folgt mein Leser bereitwillig in dieses Buch? Mit welcher Person kann er sich identifizieren? Klare Antwort: Ich bin nicht nur Schreiber und Leser, sondern auch die Hauptfigur - anders geht es garnicht. Schaut euch um. Sehr oft ist ein Autor mit seinen Lesern und seiner Hauptfigur deckungsgleich. Wenn ihr die Möglichkeiten bedenkt, die uns die Phanatasie lässt, kann das kein Zufall sein. Offensichtlich liegt hier das Geheimnis des Erfolgs.
Ich als Indie-Autorin habe also eine klare Vorgabe. Ich schreibe nicht für Fremde - ich schreibe für Freundinnen. Auch meine Hauptfigur ist wie eine meiner Freundinnen. Das ist ein großer Vorteil. Ich bin meinen Freundinnen wirklich nah, ich verstehe sie, ich kann mich in sie hineinträumen. Das ist nichts besonderes?
Stellt euch vor, ihr seid ein Verlagsmanager mit einem Lebensstil, den ihr euch finanziell und gesundheitlich eigentlich nicht erlauben könnt: Bluthochdruck, Schulden, Leasingraten, Freundin, Ehefrau, Seilschaften, Konkurrenten. Falls dieser Mann Kinder in eurem Alter hat, dann wird er viel zu müde sein, ihnen abends die Frage zu stellen, was sie gerne lesen. Die Verlage sind riesige Tanker. Die Leserinnen sind kleine Heringe. Ein Tankerkapitän und Heringsschwärme wissen sehr wenig voneinander.
Ihr seht, der Verlagsmanager ist dem Herzinfarkt näher, ihr seid dem Bucherfolg näher. Eure Bedingungen sind ideal. Ihr müsst nur begreifen, was für einen Vorsprung ihr habt. Hört euch um in eurem Bekanntenkreis, was die Mädchen lesen, welche Filme sie sehen. Sind die Träume alle gleich, die Ängste, der Humor? Sehr ihr Veränderungen? Woran haben sie sich sattgelesen? Seht ihr haarfeine Risse? Gewöhnt euch an, neugierig zu sein. Stellt Fragen. Denkt an euren größten Konkurrenten als Indie-Autor - den Mann mit dem roten Kopf, der im Stau steht und sein Lenkrad verflucht.
II.6 Genremix
Die frühen Vampirromane wie Carmilla und Dracula waren eindeutig erotische Romane, soweit das in der damaligen Zeit darstellbar war. Stephenie Meyer mischte den Vampirroman mit dem Jugendroman. Die Bände von Skullduggery Pleasant sind Fantasy mit Elementen des Italowesterns. Das aktuelle Göttlich verdammt mischt Griechische Mythenwelt ein, die Panem-Bände Polit-Science-Fiction.
Grundlage ist immer der Jugendroman, Beilage jeweils etwas anderes. Stellt euch einen Barmixer vor. Die Drinks unterscheiden sich nach Trinkgefäß, Beilage, Kältegrad, Getränkefarbe, was weiß ich alles. Eine unüberschaubare Vielfalt für den Bargast. Der Barmixer aber hat einen anderen Blickwinkel. Wichtig ist, dass ihr von einem Grundstoff ausgeht. Daraus entwickelt ihr alles wie einen Wurzelbaum weiter. Mischgetränke entstehen am Clipboard, nicht am Würfeltisch.
Stellt euch ein Mädchen vor. Sie ist euer Vampir. Das ist der feste Boden. Nun kommt die Beimischung. Hakt die Mädchenthemen ab. Was bleibt noch? Warum kein Dschungelcamp (okay, gibt es schon bei Panem), kein Artenschutzding, keine Vampirmodels, keine Zeitreisen, keine Eifelvampire, keine Dritte-Welt-Vampire?
Dienstag, 14. Juni 2011
II.5 Neben- zu Hauptstrang
In Bis(s) zum ersten Sonnenstrahl schildert Stephenie Meyer das Leben vom Vampirmädchen Bree Tanner, das hier von einer Nebenfigur zur Hauptfigur mutiert wird.
Ich schätze mal, Stephenie Meyer fällt nicht mehr viel ein. Ihr Größe aber zeigt sich darin, dass nicht ausspurt oder verkantet. Sie erkennt, dass sie in einer Schaffenskrise ist. Was macht sie? Sie starrt nicht in die Sackgasse, lässt sich nicht vom Anblick der Wand hypnotisieren. Nein, sie verkrampft nicht, bleibt locker und beweglich. Sucht ihre Chance. Die Frau hat einfach Mumm. Das Schwerste an guten Ideen ist die Leichtigkeit. Das sollte uns ein Vorbild sein.
Abgesehen von einer äußerst erfolgreichen Form von Stoff-Recycling, haben wir hier auch eine schöne Fingerübung für Indie-Schriftsteller. Nehmt eine Nebenfigur aus einem Buch, das euch gefällt. Schildert von diesem Außenposten aus mit neuer Perspektive einen Übergangszustand der Haupthandlung. Die Dinge sollten im Fluss sein, da eure Nebenfigur keine eigene Dynamik hat. Entwickelt hier einen Erzählraum, dockt quasi am Haupterzählschiff an. Lasst euch ziehen, ernähren, aber seid ein autarkes kleines Raumschiff.
Mit den inneren Eigenschaften der Hauptfiguren habt ihr nichts zu tun. Mit der Haupthandlung geht ihr in den Standby-Modus. Entwickelt eure kleine Welt, wählt einen Ausschnitt, eine bekannte Figur, zwei, drei Unbekannte, einen direkten Kleingegenspieler. Reist auf einem Nebenarm, breitet ihn aus, zoomt ihn ran. Denkt euch eine Gefahr aus, ein Leben mit dieser Gefahr, ein Kampf dagegen und schließlich ein Sieg, der traurig macht. Schlussendlich wagt ihr nebelhafte Ausblicke auf einen Großgegner. Letzteres muss sein - wer weiß, ob ihr nicht gerade eine Serie begonnen habt.
Wagt euch was! Ich bin der Meinung, dass ihr jetzt, wo ihr kleinere Buchprojekte schreibt, die Namen, die Orte, alle sichtbaren Fußspuren tilgen solltet. Der Vorteil des Indie-Schreibens ist, dass ihr euch um die Verlage nicht zu kümmern braucht. Es spricht wenig dagegen, mit einem gelungene Bändchen an die Öffentlichkeit zu gehen. Ihr habt nichts zu verlieren als eure Ängstlichkeit!
II.4 Vom Abschreiben zum Schreiben
An welchem Ende steht mein eigenständiges Werk: am Anfang oder am Ende? Diese Frage ist leicht zu beantworten, wenn sie so einfach gestellt wird. Fangen wir also uneigenständig an. Das scheint vernünftig, weil es uns hilft, einen Anfang zu finden, der sich sehen lassen kann.
Ich habe eine ungefähre Vorstellung, was ich schreiben will. Gehe ich also an den Regalen entlang und schaue, was im Angebot ist. Ich beschließe, dass mein erstes Werk zwischen diese Bücher passen muss. Kein neues Regal will ich - nur einen Platz zwischen den vorhandenen Büchern.
Ich entscheide mich also für ein bestimmtes Buch. Es soll mir gefallen. Sein Autor soll bei anderen Büchern Anleihen genommen hat. Ein typischer Genre-Bestseller also. Dann male ich mir einen Plan von dem Buch auf, indem ich die Fragen: Wann? Wo? Wer? - Was? Warum? Wie? beantworte.
[Einschub] Selbst wenn ich nichts als die Namen ändere, wird mein Buch eigenständig sein. Wenn ich flüssig aus meiner Phantasie heraus schreibe, wenn ich mit Herzen dabei bin, dann wird das vorliegende Buch mein eigen geworden sein. Meine Erfahrungen, meine Träume, meine Ängste, meine Lebenswirklichkeit werden das vorhandene Werk völlig verändern. Keine Sorge. Am Ende werdet ihr als eigenständiger Autor dastehen. Niemand wird euch sagen können, dass ihr mehr als branchenüblich abgeschrieben habt. [Einschub]
Fangt einfach an. Schnappt euch ein Buch, lest die erste Seite des ersten Kapitels. Verändert darin nur die Namen und schreibt los. Ihr könnt jederzeit auf den fremden Text schauen. Legt ihn daneben, wenn ihr wollt. Kein Problem. Klappt's? Nun nehmt ihr die nächste Seite. Lest sie durch und legt sie ganz weg. Ihr seht, was ich meine? Wir beginnen das Schreiben mit dem Abschreiben. Dann lösen wir uns langsam Schritt für Schritt davon.
Nun verändern wir auch die Orte. Diesmal schreiben wir ein ganzes Kapitel. Aus dem amerikanischen Zaubercollege wird unser Berufskolleg oder was auch immer. Natürlich müssen wir die Sprache der Örtlichkeit anpassen. Keine Scheu - der Übersetzer hat vor euch die gesprochene Sprache geändert. Im Amerikanischen klingt sie völlig anders. Schreibt freiweg, wie die Leute sprechen, die ihr kennt.
Vielleicht ist euch aufgefallen, dass die Personen durch die neue Sprache ihren Charakter verändert haben. Übertreibt ruhig ein wenig. Keine Angst, ihr schreibt nur für euch selbst. Blamieren könnt ihr euch nicht. Die Personen blamieren sich, werdet ihr feststellen. Im Miteinander und Gegenüber der Personen klingt es nicht richtig. Eure Dialogsprache wird von allein glatt und flüssig, sonst seht ihre Brüche.
Nun seid ihr schon mittendrin, die dritte Frage nach dem Wer? anzugehen. Auch hier wollen wir Veränderungen vornehmen. Schreibt für jede Person die äußeren Eigenarten auf. Mischt einfach Eigenarten von Leute ein, die ihr kennt. Ihr seht, wenn ihr zuviel reinmischt, zerfällt die Person. Ihrem inneren Zusammenhalt dürft ihr nicht zu nahe kommen.
Kommen wir von den Eigenarten zu den inneren, den charakterlichen Eigenschaften. Da sehen wir, dass die Frage: Wer? ohne die Frage: Was? nicht vernünftig beantwortet werden kann. Die ersten drei Fragen: Wann?, Wo?, Wer? stecken den Erzählraum ab. Die Fragen: Was? Warum? Wie? zeichnen die Wege im Erzählraum nach. Es ist leicht, die Fähnchen der ersten beiden Fragen umzustecken, schwieriger ist es, den Verlauf eines Weges zu ändern, ohne die anderen Wege ändern zu müssen.
Viele Reihen-Belletristiker ändern nichts an den Wegen. Sie führen neue Figuren ein, tauchen die Orte in ein anderes Licht, fügen dem Wer? äußere Eigenarten hinzu, nehmen aber an seinen inneren Eigenschaften und dem Was? Warum? Wie? keine Veränderungen vor. Lassen wir es dabei. Sie werden die Gründe dafür kennen.
Viele Reihen-Belletristiker ändern nichts an den Wegen. Sie führen neue Figuren ein, tauchen die Orte in ein anderes Licht, fügen dem Wer? äußere Eigenarten hinzu, nehmen aber an seinen inneren Eigenschaften und dem Was? Warum? Wie? keine Veränderungen vor. Lassen wir es dabei. Sie werden die Gründe dafür kennen.
Schaut euch die Kapitel in eurem Buch an. Sie sind unterschiedlich. Beschreibend, handelnd, streitend, zärtlich, ruhend. Ihr erkennt schnell, das jeder Autor seine Stärken und Schwächen hat. Versucht selbst herauszufinden, was euch liegt. Vielleicht fragt ihr wen anders. Mädchen sollten Mädchen fragen, Jungens andere Jungens. Auch in der Belletristik schreiben Frauen für Frauen, Männer für Männer. Es gibt selbstverständlich bedeutende Ausnahmen. Versucht nicht bei eurem ersten Leser herauszufinden, ob ihr zu diesen Ausnahmen gehört.
Habt keine Scheu. Schreiben und Lesen unterscheiden sich nicht groß. Beim Schreiben erzählt ihr euch selbst, beim Lesen erzählt euch ein anderer. Sonst gibt es keinen Unterschied. Schreiben ist mühevoller. Das liegt daran, dass ihr das Erzählte festhalten müsst, während beim Lesen diese Arbeit bereits ein anderer gemacht hat. Stellt euch vor, ihr müsstest nichts eintippen und korrigieren - wie leicht wäre das Schreiben dann?
Wichtig ist, dass ihr euch nicht verhakt oder verbeisst. Wichtig ist, dass ihr den Fluss, den Erzählspaß nicht verliert. Das ist der Grund, warum ihr euch vom Abschreiben zum Schreiben langsam vortasten solltet.
Habt keine Scheu. Schreiben und Lesen unterscheiden sich nicht groß. Beim Schreiben erzählt ihr euch selbst, beim Lesen erzählt euch ein anderer. Sonst gibt es keinen Unterschied. Schreiben ist mühevoller. Das liegt daran, dass ihr das Erzählte festhalten müsst, während beim Lesen diese Arbeit bereits ein anderer gemacht hat. Stellt euch vor, ihr müsstest nichts eintippen und korrigieren - wie leicht wäre das Schreiben dann?
Wichtig ist, dass ihr euch nicht verhakt oder verbeisst. Wichtig ist, dass ihr den Fluss, den Erzählspaß nicht verliert. Das ist der Grund, warum ihr euch vom Abschreiben zum Schreiben langsam vortasten solltet.
Montag, 13. Juni 2011
II.3 Innenschau und Außenbühne
Das Internet macht jede Person, die sich darin bewegt, öffentlich. Keine Person verbirgt sich. Wer sich verbergen will, kommt nicht auf die Bühne. Mit allem, was wir sichtbar sind, treten wir auf. Das Internet selbst ist eine hell ausgeleuchtete Bühne. Ich gehe in meiner Rolle auf. Lampenfieber haben wir alle, aber das geht vorbei. Ich horche nicht nach innen, sondern nach außen. Wir sind Schauspieler. Wir stehen alle unter Strom. Trenne niemals die Verbindung.
Selbstzweifel und Ängstlichkeit. Es gibt sie im Real Life. Dort geht es beschattet zu und beschützt. Vorsicht und Umsicht sind wertvolle Eigenschaften, weil Gefahren und Wagnisse real sind. Die Innenschau dient der Verarbeitung von Erlebtem und der Erholung. Ich verarbeite Dinge, überdenke meine Entscheidungen in mir selbst. Der Mensch stellt sich selbst in Frage. So entwickeln wir uns weiter. Ich ziehe mich in den Halbdunkel zurück, aus der Gemeinschaft zurück, um mit mir allein die Dinge zu regeln, die mich selbst angehen. Ich verarbeite und finde meine Ruhe, ziehe mich in meine Burg zurück. Ich bin kompliziert, langsam, treu, wunderlich.
Wie anders die Person von mir, die ständig unter Strom steht: Mein Ich-mich-mir24.de. Von allen Seiten belagert, habe ich nirgendwohin eine Rückzugsmöglichkeit. Deshalb mache ich es mir und anderen nicht kompliziert. Ich will mich zurechtfinde, weil ich schnell entscheiden muss. Dazu brauche ich eine flache Persönlichkeit. Schnelle Beine brauche ich, was nützt mir der Raum hinter der Grübelstirn. Ich bin spontan, sprunghaft. Wie schnell sind Namen vergessen. Seht mich auf der Bühne, wie ich mich bewege. Ich verstehe nicht mehr von mir als ihr.
Habt ihr schon bemerkt, dass die Figuren in einem Buch immer auf derselben Wellenlänge funken? Denkt ihr, es hat mit dem Autoren zu tun, der sie sich erfindet? Nein, es hat mit der Technik des Schreibens zu tun. Wenn alle Personen sich im selben Tempo bewegen, kann ich gut und viele unterbringen. Wenn einer sich schnell bewegt, der anderen langsam, ein dritter herumsteht - was ist dann? Schnell tritt einer dem anderen auf die Füße oder stolpert über den, der bereits gestolpert ist. Die Personen in einem Buch unterscheiden sich nur äußerlich, nach Namen, Geschlecht und Alter. Meist aber sind sie im Gleichschritt und singen falsch dieselben Lieder.
Stellt euch erst vor, ihr sei ein Autor, der sich vorstellt, er sei kein Autor. Lasst den Figuren ihre Freiheit! Können Sie nicht selbst über sich bestimmen? Am besten, ihr haltet euch völlig raus. Schafft ihr das!? Stellt euch nun zwei Türen vor. Auf der einen steht Ebook, darunter -Internet-, auf der anderen Papierbuch, darunter -Real Life-. Lasst die Gestalteten selbst entscheiden. Lasst sie selbst entscheiden, durch welche Tür sie einschreiten. Was denkt ihr, wer tritt in welche Tür ein?
Alle, die sich vorgedrängt haben, versuchen sich durch die Ebook-Tür zu quteschen, schieben von hinten, rufen nach vorne ihre Freunde, springen hoch, um alles zu sehen. Ein Wehrmachtssoldat grüßt militärisch vor Papierbuch-Tür. Ein Riese schlägt sich den Kopf auf. Zwei Vampire umflattern seine Schultern. Jemand schießt Löcher in den Türrahmen. Überall regnen Visitenkarten herab.
Von außen muss die Ebook-Tür zugeschoben werden. Zwei Zwergen mit rostigen Bärten arbeiten schwitzend, blockieren endlich, zwei quadrig schartigen Steinen gleich. Und die andere Tür? Stille davor. Der Lärm der Ebooker dringt nach draußen, bewegt den Teppich der weiß-bunten Karten. Sonst ist es still. Die Figuren, die eingelassen werden sollten, sind verschwunden. Spaltbreit um Spaltbreit öffnet sich die Tür von innen. Eine durch die Nase geführte Stimme: >Dort niemand?< Ein Hauch von Haarwasser. Die Tür fällt klicksend ins Schloss zurück, als der Autor die glotzenden Zwerge erblickt. Erschreckt fliegen kleine Fledermäuse aus den roten Bärten auf. Über den Zwergenzwillingsköpfen hängt nebelig der verdampfende Schweiß.
II.2 Das Geheimnis der Medea
Medea wird von ihrem Mann Jason verlassen. Sie schickt der neuen Frau Jasons ein wunderschönes Kleid aus purem Gold, welches bei der Anprobe zur Hochzeit in Flammen aufgeht. Dann tötet sie die beiden Kinder, die sie mit Jason hat.
Es ist wichtig, welche zwei Pole wir wählen. Die Pole können auseinander liegen, sodass eine unüberbrückbare Schlucht zwischen ihnen liegt. Ein Geheimnis, das sich jeder Erklärung widersetzt. Verständlich - sagen wir nachvollziehbar - ist, dass Medea ihre Nebenbuhlerin tötet. Warum aber tötet sie ihre Kinder? Will sie Jason treffen? Zeigt sie ihm, dass sie ihn mehr liebt als ihre Kinder? Will sie sich selbst vernichten? Ist sie wahnsinnig geworden? Tötet sie ihre Kinder, weil sie schutzlos geworden sind?
Die Pole können auch enger beieinander liegen. In Vom Winde verweht ist Captain Rhett Butler Geliebter und Kriegsprofiteur, Scarlett ist Geliebte und mittellos. Gefühl und wirtschaftliche Interessen überlagern sich so. Die Pole liegen nicht weit auseinander. Scarletts Liebe ist widersprüchlich, aber nachvollziehbar, während Medeas Liebe sich einer Erklärung entzieht.
Es gibt viele Spielarten, die Pole anzulegen. Goggelt mal das Märchen Von einem der auszog das Fürchten zu lernen. Warum möchte der jüngere Bruder das Fürchten lernen? Bei den Brüdern Grimm will er das Fürchten lernen, weil er dumm ist. Denken wir uns eine andere Erzählweise aus. Der jüngere Bruder könnte ein Stiefbruder sein - er will dorthin, wo ihm sein älterer Bruder nicht nachstellt. Er könnte hässlich sein - sucht die Nähe der Hässlichen. Er könnte Schlafwandler sein oder aus einem uralten Vampirgeschlecht stammen. In allen Fällen wäre sein Mut erklärlich.
Nehmen wir einen anderen Fall an. Er besteht die Mutprobe und verleitet seinen ängstlichen Bruder, es ihm nachzutun. Um Mitternacht verlässt der ältere Bruder sein Bett und kehrt nicht wieder zurück. An sich verständlich ist, dass der Jüngere die Mutprobe besteht. Aber warum aber überredet er seinen ängstlichen Bruder? Hier hätten wir eine Medea-Polung. Die Ende der Spannung berühren sich nicht. Wir als Leser können uns viel denken, wissen aber nichts sicher.
Es ist wichtig, welche zwei Pole wir wählen. Die Pole können auseinander liegen, sodass eine unüberbrückbare Schlucht zwischen ihnen liegt. Ein Geheimnis, das sich jeder Erklärung widersetzt. Verständlich - sagen wir nachvollziehbar - ist, dass Medea ihre Nebenbuhlerin tötet. Warum aber tötet sie ihre Kinder? Will sie Jason treffen? Zeigt sie ihm, dass sie ihn mehr liebt als ihre Kinder? Will sie sich selbst vernichten? Ist sie wahnsinnig geworden? Tötet sie ihre Kinder, weil sie schutzlos geworden sind?
Die Pole können auch enger beieinander liegen. In Vom Winde verweht ist Captain Rhett Butler Geliebter und Kriegsprofiteur, Scarlett ist Geliebte und mittellos. Gefühl und wirtschaftliche Interessen überlagern sich so. Die Pole liegen nicht weit auseinander. Scarletts Liebe ist widersprüchlich, aber nachvollziehbar, während Medeas Liebe sich einer Erklärung entzieht.
Es gibt viele Spielarten, die Pole anzulegen. Goggelt mal das Märchen Von einem der auszog das Fürchten zu lernen. Warum möchte der jüngere Bruder das Fürchten lernen? Bei den Brüdern Grimm will er das Fürchten lernen, weil er dumm ist. Denken wir uns eine andere Erzählweise aus. Der jüngere Bruder könnte ein Stiefbruder sein - er will dorthin, wo ihm sein älterer Bruder nicht nachstellt. Er könnte hässlich sein - sucht die Nähe der Hässlichen. Er könnte Schlafwandler sein oder aus einem uralten Vampirgeschlecht stammen. In allen Fällen wäre sein Mut erklärlich.
Nehmen wir einen anderen Fall an. Er besteht die Mutprobe und verleitet seinen ängstlichen Bruder, es ihm nachzutun. Um Mitternacht verlässt der ältere Bruder sein Bett und kehrt nicht wieder zurück. An sich verständlich ist, dass der Jüngere die Mutprobe besteht. Aber warum aber überredet er seinen ängstlichen Bruder? Hier hätten wir eine Medea-Polung. Die Ende der Spannung berühren sich nicht. Wir als Leser können uns viel denken, wissen aber nichts sicher.
Samstag, 11. Juni 2011
I.27 Wir schreiben für unsere Kritiker
Deutscher Kritiker können uns egal sein. Keiner von ihnen würde einen Indie-Autoren besprechen. Papierschriftsteller dagegen sind auf die Kritiker fixiert. Unsere Indie-Ebooks treffen ohne vorfilternden Kritiker direkt auf die ungeordnete Masse der Leser. Für diese schreiben wir, nicht für Einzelkritiker. Das ist ein wichtiger Unterschied.
Kritiker der deutschen Papierbuchautoren lesen nur, was andere Kritiker und Buchprofis lesen. Es ist ein geschlossener Kreis von Feuilleutonisten, von Buchpreisverleihern, von Magazinbloggern. Alle haben eine durchaus einheitliche Erwartungshaltung und wollen diese nicht enttäuscht sehen. Da sich sowohl die Leser als auch die Autoren danach richten, entsteht ein geschlossener Kreis von seit langem abgestimmter deutscher Literatur. Sollte ein deutscher Autor die ausgetretenen Pfade verlassen und sich durchs Unterholz kämpfen?
Neues kommt aus dem Ausland, wo dieser Kreis aufgebrochen ist. Neue Themen, neue Stimmen. Viele junge Autoren kommen aus den jungen Demokratien. Völlig neue Herangehensweise entstehen auf dem Boden gewaltiger Umbrüche. Nicht umsonst kommen soviele aufsehenerregende Bücher aus Osteuropa. Ein Kritiker- und Buchpreiswesen, eine Verlagshierarchie hat sich nocht etabliert. Das Altüberkommene ist nicht heilig gesprochen. Derart gute Literatur wächst auf 1.000 Rissen. Ich will dort nicht geboren sein, aber für das Schreiben wäre es gut.
Meine Vorbilder als reiner Ebook-Autor sind nicht die deutschen Schriftsteller - viel besprochen und wenig gelesen. Mein Vorbilder sind auch nicht die jungen Stars aus Osteuropa. Das ist - nebenbei gesagt - auch gut so, denn die sind wirklich gut. Ich als Ebookautor habe es mit einer globalen Literaturszene zu tun - einer Globalbelletristik eben.
Meine und eure Kritiker sind die Ebookleser. Wenn ich für die Ebookleser schreibe, dann muss ich feststellen, dass sie ziemlich viel Sch... lesen. Darauf bin ich bereits eingegangen. Noch nicht gesagt wurde, dass diese Ebooks - was immer ich davon halte - absolut international sind. Jedes dieser Bücher lässt sich wie eine genügsame Pflanze umstandslos in fremde Erde eingraben. Sie gedeihen unter allen Bedingungen. Am ehesten brauchen die Thriller und Krimis eine Pflegeanleitung.
Ein nationaler Schriftsteller - ob nun altväterlich aus Deutschland oder jungendfrisch aus Osteuropa - braucht keine Struktur. Er arbeitet mit Details. Diese bilden sein Konstrukt. Bücher, die eine klare Struktur haben, werden von den Kritikern recht schnell der Unterhaltungsliteratur zugeordnet. In der Sprache der Friseure: Scheitelfrisuren sind out, verwuselte Geldrisure sind in. Rückblickend betrachtet ist diese Wertung willkürlich und falsch: Große Literatur folgte oft einem klaren, vielfach benutzten Schema: Dr. Schiwago ist ein Liebesroman, der zur Zeit der Russischen Revolution spielt.
die hatten einander so lieb,
sie konnten beisammen nicht kommen,das Wasser war viel zu tief.
Es gibt zahllose Beispiele in der Weltliteratur für Scheitelfrisuren. Dennoch gibt es im Augenblick, im aktuellen Buchangebot, tatsächlich nur zwei Arten von Büchern, strukturlos und schematisch, klein-klein und groß-groß. Letztere sind tasächlich überwiegend im Bereich der leichten Leseunterhaltung zu finden.
Weil mein Self-Publishing-Buch aktuell sein soll, beschäftige ich mit den Arten von Ebooks, die im Augenblick tatsächlich gelesen werden. Kann sei, dass sich das ändert, wenn ein großer Konsumentenblock - wie z.B. Frauen um die 50 oder Senioren - von holzhaltig auf digital umsteigt. Im Augenblick ist das noch nicht der Fall. Aktuell habe ich es mit drei Genres zu tun: Fantasy, Liebe (blutig, unblutig), Thriller-Krimi. Die Historischen Roman zähle ich nicht, weil darin die drei vorgenannten Genres nur eingekleidet werden.
[Einschub] Den sehr nachgefragten Bereich der Sach- und Fachbücher blende ich völlig aus, weil hier das Schreiben vom Thema bestimmt wird, und es unüberschaubar viele Möglichkeiten gibt. Auch Kurzgeschichten lassen rausfallen, weil ich sie als Romanvorstufen ansehe. [Einschub]
Bei den typischen Ebookautoren aber wird immer eine sehr einfache Struktur sichtbar, auf die ich im nächsten Kapitel gesondert eingehen werde. Hier sei nur soviel gesagt, dass uns Indie-Autoren der Einstieg ins Schreiben durch eine klare für alle vorgegebene Struktur leicht gemacht wird.
Für meinen Roman brauche ich keinen Aufbau zu entwickeln. Dieser Herausforderung stellt sich kein bekannter Autor der Unterhaltungsliteratur. Wieviel weniger sollten wir Jungautoren uns damit abplagen. Gestalten wir die vorgegebene Gattungsstruktur aus. Dazu noch behutsame, verstohlene Anleihen bei unserem Lieblingsautor. Mehr sollte nicht nötig sein, dass unser Kind das Laufen lernt.
In den anschließenden Kapiteln von Teill II geht es um die praktische Seite des Schreibens.
In den anschließenden Kapiteln von Teill II geht es um die praktische Seite des Schreibens.
I.26 Ebooks sind 'Vote'-books
Seht euch an, wie Ebooks bei der boerse.bz/dokumente/unterhaltung gelistet werden (Runterladen ist illegal - Ansehen legal)! An oberstes Stelle, fett markiert, ist das Buch, welches gerade von einem registrierten User angeklickt wurde. Wenn niemand erneut darauf klickt, sackt es nach und nach die 30 Plätze der 1 Seite herunter. Dann weiter zu Seite 2 und so fort. Die aktuellsten Bookz werden immer wieder angeklickt, bleiben 2 Tage lang auf Seite 1, um dann zu verschwinden.
Es gibt keine alphabetische Ordnung, keine Anordnung durch Bibliothekare, keine Kritikerlisten. Nichts. Alles entscheidet der Geschmack der Leser. Eine wirkliche echte Klickparade. Ich stellt ein Buch ein - habe ich mir von Unbekannt sagen lassen - und nach kurzer Zeit ist es 30 Stellen runtergerutscht, damit auf Seite 2, quasi unsichtbar und dann geht es abwärts und abwärts. Eine Suchfunktion (Sufu) gibt es, wird aber wenig benutzt. Jedes Ebook hat seinen Tag Aufmerksamkeit, um dann im Ozean des Vergessens zu verschwinden.
Das Internet hat ein Gedächtnis, höre ich. Das ist schon richtig. Alles ist für alle Zeit abrufbar. Nur ruft es niemand ab. Stellen wir uns eine Bibliothek vor, Hunderte von Metern Bücher. Selbst im Buchhandel, wenn ich mich an den Spiegellisten vorbeigekämpft habe, öffnet sich mein Sichtfeld. Mein Blick wandert die Reihen entlang. Jedes Buch hat seine fast gleichen Chance, alt oder neu.
Im Internet hat nur das neuste Buch eine Chance. Ganz einfach wegen der Beschränkung unseres Sichtfeldes. Geht zu libri.de oder der boerse.bz, legal oder illegal, Ebooks oder Bookz, das Wort >Neu< verbindet sie alle. Wir blicken durch das Fenster unseres Bildschirms, als führen wir in eine Drive-In-Buchhandlung. Die ersten 30 Ebooks bekommen wir zu sehen, dann steht der Warenkorb vor uns oder der Hoster-Button.
Das Internet ist süchtig nach Neuem. Klar, weiß jeder. Ich stelle hier heraus, dass die Struktur des Internets diese Sucht fördert. Die Aufmerksamkeit entscheidet über die Plazierung, diese beeinflusst wiederum die Aufmerksamkeit. Daher sind immer 95 % der Artikel oder Beiträge neueren Datums. In einer Buchhandlung bleiben unverkaufte Bücher in den Regalen stehen. Was wäre, wenn der Buchändler die unverkauften Bücher wöchentlich zurückgeben könnte. Die Zeitschiene hätte sich mehr als halbiert, 80 % der Regale wären verzichtbar.
Bei den Ebooks - legal oder illegal - geschieht das Absinken auf tiefste und dunkelste Meeresgründe des Vergessens schnell und endgültig. So ist das nun mal, weil die Struktur so ist. Das Voting ist eine ehrliche Sache, führt aber in der Konsequenz dazu, dass nur die neusten Ebooks in einem sehr schmalen Angebot zu finden sind. Die Zeitgleise verzweigen sich in die Unendlichkeit. Leider gibt es nur einen Zug, und diesen halten johlende Vampire und betrunkene Zwerge belegt.
Das hat für uns Self-Publisher Konsequenzen. Es ist sinnlos, die Entstehung eines Werkes auf Jahre anzulegen, um nach 2 Tagen aus dem Blickfeld der Leser verschwunden ist. Halten wir unsere Werke also kurz, schreiben wir schnell. Tut mir leid, ich sehe uns Self-Publisher als Egoshooter, die geduckt von Mauervorsprung zu Sandsack zu Türrahmen laufen, immer das Ziel von Sperrfeuer und Heckenschützen.


